Verlustangst und toxische Beziehungen.

Verlustangst und toxische Beziehungen

Wenn wir über toxische Beziehungen sprechen, dann sprechen wir gleichzeitig immer auch über Bindungsangst und Verlustangst. Zwei Gegenspieler, die die Beteiligten meistens an ihre Grenzen treiben.

Bindungsangst triggert Verlustangstund Verlustangst triggert Bindungsangst

Große Ängste und starke Emotionen tauchen auf. Alte Gefühle aus der Kindheit kommen hoch und unverarbeitete Traumata werden nochmal durchlebt. Trotzdem ziehen sich beide magisch an!

Warum ist das so?

Man sagt, im Kern haben beide Personen eine sehr starke Bindungsangst bzw. ein instabiles Bindungsmuster. Partner A z.B. offensichtlich, denn er/sie hat offensichtlich Angst vor echter Bindung und Nähe – und Partner B verdeckt, denn er/sie sucht sich einen Partner, mit dem man gar nicht erst in die Bindung kommt. 

So kann Partner B die Sehnsüchte des anderen und das Bedürfnis nach Nähe zwar voll spüren, es kommt aber niemals in die Erfüllung. Also ist Seite B mit der Bindungsangst im Sicheren.

Es entsteht also eine Partnerschaft oder Beziehung, die man eigentlich nicht als solche bezeichnen kann.

Meistens gibt der offensichtlich bindungsängstliche Teil – in diesem Beispiel Partner A – am Anfang der Beziehung Vollgas. So, als würde er/sie schon ahnen, dass die Puste bald raus ist und er/sie sich demnächst zurückziehen muss. 

Hat Partner B auch eine Verlustangst, ist er/sie in dieser Phase im 7. Himmel – schließlich erhält man endlich viel Nähe und Aufmerksamkeit. Man fühlt sich wertvoll und geliebt und die innere Leere scheint aufgefüllt. Nur sollte sich Partner B sich nicht daran gewöhnen, denn bald schon ist der ganze Zauber vorbei und die Verlustangst kommt mit voller Wucht hoch.

Partner A fängt an zu klammern, weint, wird wütend – kann den Schmerz, den er fühlt und den anderen einfach nicht verstehen.

Der Bindungsängstler hingegen ist zu diesem Zeitpunkt sowieso schon auf dem Rückzug und fühlt sich vom bedürftigen Verhalten seines Partners angewidert. Er zieht sich immer weiter zurück, flieht, bricht aus, sucht sich einen neuen Partner um zu entkommen, stürzt sich in die Arbeit oder verreist. Aber auch er hat eine innere Leere, die in dann und wann zurückkommen lässt. Meistens dann, wenn der Verlustängstler endlich genug hat und aufzugeben droht.

Die Tragik dieser Situation ist unverkennbar. Das Dilemma das dahinter steckt kaum aufzulösen.

Was ist es, dass die Verlustangst so stark macht? Was ist es, das den Betroffenen eine unfassbare innere Not spüren lässt?

Im Interview mit Michaela Vogl (Life Coach, www.michaelavogl.de) erkläre ich, dass die Verlustangst sich anfühlt als würde man sterben. So als würde einem der Boden unter den Füßen entrissen und als gäbe es kein Entkommen. Tatsächlich ähneln die Emotionen in dieser Situation echter Todesangst.

Denn die Verlustangst ist eine alte Angst. Sie stammt aus der frühen Kindheit. Hatten wir dort einen oder zwei Elternteile (Bezugspersonen) die entweder physisch oder emotional (z.B. durch Krankheit, Arbeit, eigenen Probleme, Alkoholsucht etc.) nicht für uns da sein konnten, so hatten wir ein lebensbedrohliches Problem. Als Babys und Kleinkinder sind wir auf die Versorgung unserer Eltern angewiesen – anders überleben wir nicht! Fällt diese Versorgung aus, geraten wir in Todesangst.

Diese Angst speichert sich in uns ab und später im Leben, wenn wir einen Menschen wieder ganz nahe an uns heranlassen und dieser sich ähnlich verhält als unsere Eltern damals, werden diese Ängste wieder hervorgeholt.

Der Unterschied ist natürlich, dass die Ängste irrational sind. Denn wir sind nicht in Lebensgefahr und wir sind nicht auf die Zufuhr des anderen angewiesen. Unserem System ist das aber reichlich egal. Es hat noch nicht verarbeitet was damals passiert ist und schlägt Alarm. So laut, dass wir nicht anders können, als diesen Gefühlen zu glauben.

Damals hatten sie eine wichtige Funktion – heute sind sie übertrieben und scheinen für jemanden, der sich mit der Thematik nicht auskennt, völlig überzogen.

Warum suchen wir uns dann überhaupt Partner, die dieses Gefühl auch noch besonders triggern, wenn es doch so schlimm ist?

Hier gibt es verschiedene Ursachen. Die wohl wichtigsten oder offensichtlichsten sind, dass wir zum einen versuchen mit diesem Partner unser Kindheitstrauma aufzulösen. Bewusst oder unbewusst glauben wir, dass wir von unserer inneren Not und Leere erlöst werden, wenn doch der Partner, der uns wegstößt, sich nun endlich zu uns bekennt und beteuert wie sehr er uns liebt.

Zum anderen suchen wir immer das, was wir gelernt haben. Wenn wir gelernt haben, dass Liebe und Schmerz, unerfüllte Sehnsucht und emotionale Höhen und Tiefen zusammengehören, dann werden wir auch immer das in unseren Liebesbeziehungen suchen. Es ist auch logisch – wir kennen nichts anderes, das ist es was wir gelernt haben, das ist der Stallgeruch den wir in stabilen Verbindungen vermissen würden.

Deshalb fühlen sich Partner mit denselben Wunden und Kindheitstraumata auch so vertraut an.

Wir glauben hier können wir endlich ankommen, hier haben wir einen Verbündeten, einen Seelenverwandten gefunden.

Lösen wir unsere Verlustangst und unsere Bindungsangst nicht auf, werden wir jedoch immer wieder in denselben schmerzhaften Beziehungen landen.

Die gute Nachricht ist, meist kommen wir uns selbst mit jeder schmerzhaften Erfahrung ein Stückchen näher. Wir beginnen zu hinterfragen, was wir da erleben und wir beginnen zu verstehen, dass das keine Liebe sein kann.

Wenn der Leidensdruck groß genug ist, beginnt die Veränderung – und damit die Reise zu sich selbst.

Vielleicht die schönste Form der Reise, weil wir verstehen, dass wir uns verändern können und dass Muster auch schwächer und immer weniger werden können und jeder Mensch in der Lage ist eine erfüllende Beziehung zu führen.

Der erste Schritt ist die wahrhaftige innere Entscheidung wirklich etwas ändern zu wollen und sich nicht weiter von den eigenen Mustern und Emotionen leiten zu lassen

…Sondern sich Schritt für Schritt davon zu entfernen, um die Erfahrungen zu machen, die uns wirklich guttun und die wir verdient haben. Indem wir uns selbst annehmen, uns spüren lernen und uns wahrhaftig auf uns selbst einlassen, um die innere Leere mit uns selbst aufzufüllen, können wir lernen uns von Abhängigkeiten und ungesundem Beziehungsverhalten zu lösen.

Alles Liebe,

Deine Maren

 

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1 Comment

  1. Franzi Oktober 28, 2020 at 1:06 pm

    Sehr guter Beitrag, danke. Ich erkenne mich selbst inklusive des Todesangstgefühls 1:1 wieder, obwohl ich die ganze Zeit das Gefühl hatte wir passen mega gut zusammen. Es ist als würde man irgendetwas übersehen, aber man weiß nicht was. Es fühlt sich an als wäre man nicht man selbst und nur Zuschauer. Man denkt die ganze Zeit im Mangel: “Irgendwas stimmt nicht”, aber man kommt irgendwie nicht drauf, was es ist und auch nicht raus. Ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Erst im Nachhinein erkannte ich, dass wir Beide uns unbewusst ins Aus katapultiert haben. Natürlich als es zu spät war, denn ich konnte es mir ja selbst nicht erklären . Ich bin 36, hatte vorher eine 9-jährige Beziehung und habe ein Kind, einen tollen Job und bin ein sehr positiver, empathischer Mensch, ich war glücklich mit meinem Leben und meinem Umfeld. Und plötzlich werde ich mit Ängsten konfrontiert, die sich wie das schlimmste Gefühl meines Lebens anfühlen. Mittlerweile mache ich eine Therapie, um diese(s) Muster aufzubrechen, die toxische Beziehung zu verarbeiten und daraus zu lernen.

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